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Envoyer 01/2007
Von Volker Thies

Rezension erschienen: 18.02.2007, Serie: Zeitschriften, Autor(en): André Wiesler (Hrsg.), Verlag: FZ Werbung / Redaktion Envoyer, Seiten: 66, Erschienen: Januar 2007, Preis: 1,80 Euro


Drachen töten, böse Hexenmeister niederringen und Welten retten: Das alles dürften die meisten Rollenspieler oder vielmehr ihre Spielcharaktere zur Genüge getan haben. Oft sind die interessanteren Abenteuer aber die, die sich um unscheinbare Dinge herum entwickeln. Um einen Apfel zum Beispiel. Was Homer in seiner Dichtung vom Trojanischen Krieg recht ist, das ist dem Envoyer billig: Der eindeutig gelungenste Beitrag der Januar-Ausgabe befasst sich mit Äpfeln. Zunächst entwirft Autor David Grade neun Apfelarten mit ganz speziellen Eigenschaften auf der Basis der DSA-Welt Aventurien. Selbst unscheinbare Eigenschaften wie die Lagerfähigkeit können zum Ausgangspunkt für ein Abenteuer werden, etwa wenn ein Vogt sich eine leicht verderbliche Sorte hat andrehen lassen, was im Winter eine Hungersnot in der Stadt nach sich zieht. Aber die Darstellung umfasst auch Äpfel mit deutlich fantastischeren Eigenschaften. Etwa den Zankapfel, dessen Genuss Jähzornsanfälle auslöst. Oder Äpfel, die unter einem besonders unheilvollen Stern gepflückt wurden. Ihr Verzehr ruft die Kräfte des Bösen herbei, allerdings lassen sie sich auch nahezu unbegrenzt lagern, so dass sie in harten Wintern oft den letzten Ausweg vor dem Verhungern bieten - eine schwierige Wahl. Solche und ähnliche Ideen stellt der Beitrag in vier Abenteuervorschlägen zur Auswahl.

Fast genauso interessant wirkt das Cthulhu-Abenteuer "Eine Nacht auf dem Land". Die Spieler verschlägt es in ein mustergültiges englisches Spukhaus. Dort haben sie es mit klassischen Horrorfilm-Ereignisse zu tun und müssen einen Weg finden, um den Spuk zu beenden. Nicht ganz so gelungen sind zwei weitere Kurzabenteuer. In "Bring mich um, Baby!" geht es um einen fingierten Mord im Shadowrun-Setting. In "Der Oger von Mühlenfurt" sollen die Charaktere in eine Art "Helden-Falle" gejagt werden. Beides keine absolut neuen Ideen, aber durchaus immer wieder mal zu gebrauchen. Sehr überzeugend wirken diesmal "Gnorkls Gimmicks". Diese Rubrik bietet zwei neue magische Gegenstände mit sehr nützlichen Eigenschaften und amüsanten Macken.

Im Illustratoren-Interview ist diesmal Klaus Scherwinski an der Reihe, der sich unter anderem mit Shadowrun- und Warhammer-Illustrationen einen Namen gemacht hat, vor allem aber für seine Degenesis-Zeichnungen bekannt ist. Inzwischen hat er zunehmend auch auf internationaler Ebene Erfolg. Die Larp-Serie wartet diesmal mit einem Vergleich zwischen Live- und klassischen Tischrollenspielen auf. Allerdings fragt man sich schon, ob die Leserschaft eines Rollenspielmagazins das richtige Publikum ist, um ihm zu erklären, wie Rollenspiele funktionieren. Ein zweiter Artikel befasst sich mit dem Vergleich zwischen Live-Rollenspielen und dem klassischen Laientheater.

Auch eine längere Kurzgeschichte liefert der Envoyer. Darin geht es um eine Obdachlosenbande der Zukunft, die sich in einer aufgegebenen U-Bahn-Station eingenistet hat. Die Tücken der fortschrittlichen Strafverfolgung zwingen ihre Anführer schließlich zu einem verzweifelten Schritt. Die Geschichte selbst verfügt sicher über einiges Potenzial, allerdings hätte am Sprachstil noch deutlich gefeilt werden müssen: Streckenweise und vor allem am Anfang liest die Geschichte sich doch etwas sehr wie Beamtendeutsch.

Eine Besonderheit sind dieses Mal die umfangreichen Leserbriefe. Zu verdanken hat der Envoyer das seinem Titelbild von der Ausgabe 11/2006. Die freizügige Illustration hatte im folgenden Heft offenbar Widerspruch von Lesern ausgelöst. Nun widersprechen vor allem Spielerinnen dieser Kritik. Zudem befasst sich ein Leserbrief samt offizieller Erwiderungen mit der Übernehme der Spielerdatenbank KOOP durch den ADRV und die damit verbundene Nutzungsbeschränkung für alle, außer ADRV-Mitgliedern und Envoyer-Abonnenten. Dazu kommt natürlich wie immer im Envoyer ein umfangreicher Rezensionsabschnitt.

Ebenfalls wie gewohnt sind die Schwarzweiß-Illustrationen von hoher Qualität, unabhängig ob sie von professionellen Illustratoren oder von Hobbyzeichnern kommen.

Fazit: Der Apfel-Artikel gehört eindeutig mit zum Besten, was seit langem an Hintergrund-Material in einem Rollenspielmagazin erschienen ist. Auch das Cthulhu-Abenteuer macht Lust aufs Spielen. Interessant zu lesen ist auch die engagierte Diskussion um das Titelbild der November-Ausgabe.




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