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Die weissen Hände
Von Ingo Schulze

Rezension erschienen: 15.10.2006, Serie: Belletristik, Autor(en): Mark Samuels, Verlag: BLITZ-Verlag GmbH, Seiten: 248, Erschienen: /, Preis: 9,95


Der Engländer Mark Samuels präsentiert das vierte Werk der Reihe "Edgar Allan Poes phantastische Bibliothek" und entführt uns in neun Kurzgeschichten in seine Welt der urbanen Phantastik - "Die weissen Hände und andere Geschichten des Grauens", so der Titel.

Ein Journalist möchte einen Artikel über viktorianische Literatur schreiben. Dazu will er einen kleinen Beitrag über die viktorianische Autorin Lilith Blake recherchieren, die von Kennern noch heute verehrt wird. Dabei stößt er auf den ehemaligen Oxford-Professor Muswell, der dort vertrieben wurde, weil er teils seltsame Ansichten der Auswirkungen von Literatur pflegt. Darüber hinaus ist er aber auch ein Verehrer der Werke von Lilith Blake und ein Sammler ihrer Raritäten. Auch der Journalist darf einen Blick auf seine Reliquien werfen. Auch auf das Bild der Lilith Blake und ihrer wunderschönen, blassen "Weißen Hände", die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen. Fortan wird aus dem Artikel über viktorianische Literatur ein Essay über Lilith Blake. Muswell und der Journalist überbieten sich in der Verehrung der lang verstorbenen Dame.

Eigentlich hatte Pfarrer Mooney schon gehofft, dass niemand mehr am heutigen Abend zum Beichten in die Kirche "St. Ignatius of Loyola" kommt und er sich auf eine Runde Schach zurückziehen kann. Aber da taucht doch noch jemand auf, der Gedächniskünstler Leonard Hughes. Er erzählt Pfarrer Mooney seine Lebensgeschichte und seine Leidenschaft, die ihm mit den Pfarrer verbindet: Schach. Nach anfänglichen großen Erfolgen bemerkten Leonards Gegner seine Schwäche: Er hat tausende und abertausende Partien auswendig gelernt und ruft dieses Wissen nur ab, ohne selbst kreativ zu werden. Mooney hingegen war vor seiner Priesterkarriere ein bekannter Schachspieler, der schon mit den ganz großen Namen am Tisch saß. Schließlich kommt Hughes zum Kern seines Berichtes. Er hat ein Schachspiel erworben und gerade ausprobiert. Die gegnerischen Figuren bewegen sich von selbst. Und er hat das dumpfe Gefühl, dass der Preis des Verlierens hoch ist. So beginnt "Das letzte Spiel des Großmeisters".

Ein Angestellter eines Architektenbüros ist fasziniert von der Ausstellung "Momentaufnahmen des Schreckens" des Künstlers Golmi. Dieser hatte als Architekt auch den Büroturm errichtet, in dem nun die Ausstellung weilt. Doch den Firmen, die dort ansässig waren, war wenig Glück beschieden; sie gingen pleite oder zogen weg. So wirkt es, als hätten sie nur Platz gemacht für Golmis Ausstellung. Der Angestellte fühlt eine gewisse Verbundenheit zu dem überdimensionalen Kunstwerk, ist doch der Irrweg durch die Straßenschluchten und der Blick auf den Turm ist das erste, an das er sich erinnern kann. Und endlich, endlich findet er Zeit und steht schon davor, bereit sich den Momentaufnahmens des Schreckens zu stellen...

In tiefster Nacht wird Medizinstudent Peter Slokker aus dem Schlaf gerissen, weil ein Nachbar an seine Wohnungstür pocht. Ein Brandy beruhigt den Mann wieder, dann verschwindet er nebenan in "Appartement 205". Peter, der neu in Paris ist, bittet am nächsten Morgen den Portier zusammen mit ihm nach dem Mann - Monsieur Deschamps, wie sich herausstellt - zu sehen. Allerdings ist er verschwunden und läßt sich auch in näherer Zukunft nicht auffinden. Das Appartment jedoch übt eine seltsame Faszination auf Peter aus, er erwacht manchmal nachts, während er auf Händen und Füßen auf das Appartment zukriecht. Erst fesselt er sich mit komplizierten Knoten selbst ans Bett, um nicht schlafzuwandeln, aber irgendwann ist sein Bedürfnis so groß, dass er versucht sich einen Schlüssel zu besorgen und sein Verlangen nach dem Appartement zu stillen.

In "Die Sackgasse" gerät David Cohen in die Fänge der Ulymas-Organisation, einer Kanzlei im Bereich der Rechte geistigen Eigentums. Sein erster Arbeitstag als Sachbearbeiter ist sein zweiter Besuch nach dem Vorstellungsgespräch in der recht verlassenen Gegend. Kaum am künftigen Arbeitsplatz angekommen, stellt sich sein Abteilungsleiter kurz vor und überlässt ihn dann der Arbeit. Peter studiert die ersten Akten, die ihm absurd vorkommen. Verklagt werden Groschenheft-Autoren, die "geistiges Eigentum" gestohlen hätten. Dazu kommt die Argumentation der Orgsanisation gegen einen linearen Zeitverlauf... So will David erst einmal den Computer anschalten, muss aber feststellen, dass der Monitor nicht geht - kein Wunder, wenn alles hinter der Bildröhre mit Papier ausgestopft ist anstatt mit Elektronik. Das Umschauen nach Kollegen offenbart viele geschlossene Türen und wenn nicht, wirken die Menschen desinteressiert und reagieren nicht. Wo ist er hier nur gelandet?

Conrad Smith hat endlich eine Wohnung in dem Teil der Stadt gefunden, die ihm so gefiel: die Ravel Street. Eine verschrobene Gemeinschaft haust in der ärmlichen Umgebung, die vor Generationen einen gemeinsamen ethnischen oder religiösen Ursprung gehabt haben mochten, fast wie eine "Kolonie" aus fernen Ländern mitten in der Stadt. Conrad fällt es zunehmend schwerer, zur Arbeit zu gehen und während er nachts aktiver wird, verschläft er bald die Tage. Dafür nähert er sich langsam Stück für Stück den restlichen Bewohnern des Viertels an und hat Anteil an ihren seltsam Riten, Praktiken und Ritualen.

Der Schriftsteller "Vrolyck" sitzt nachts in Cafe, von Schlafstörungen geplagt, als er auf eine junge Dame trifft, die ebenfalls nicht schlafen kann. Sie interessiert sich für sein Werk - die Dybbuk-Pyramide. Noch ist es längst nicht fertig, denn er versucht die Kontaktaufnahme eines völlig fremden Bewusstseins mit der Menschheit zu beschreiben. Ihre Hinweise helfen ihm weiter, sein Werk auszugestalten. Währenddessen tauchen in ihrer Wohngegend seltsame Graffittis auf - die Frau selbst ist erkrankt und bettlägerig geworden. Was steckt dahinter?

Ein Ire aus Dublin begibt sich auf "Die Suche nach Kruptos", einem Werk des Autors Ariel, welches irgendwo versteckt sein soll. 1824 erschien 'Die Mysterien des Träumens' in einem Privatdruck, allerdings weigerten sich die Drucker, es zu veröffentlichen. Als Teile davon in die Ohren der Obrigkeit gelangen, wurde Haftbefehl erlassen und Ariel floh. Seine Bücher wurden verbrannt und sein Name aus den Bibliotheken getilgt. So macht sich der irische Student auf von Paris quer durch Nazideutschland bis in den nördlichsten Winkel des Kontinents, wo er ein Manuskript von Kruptos entdeckt haben will.

Ben hat sich seit zwei Wochen zu Hause eingebunkert und sein bester Freund Jack macht sich große Sorgen. Angefangen hat es mit dem Ausleihen eines Videofilms in der neuen Videothek. Gerade war eine Raubkopie von "Schwarz wie die Finsternis" reingekommen, ein Film, den Ben kannte. Seine verstorbene Freundin Verna Karndess war damals Hauptdarstellerin, aber nach einigen Streitereien um den Film und Beschädigungen am Material gab es nur eine einzige Privatvorführung. Die Verfilmung basiert auf einer Geschichte der viktorianischen Autorin Lilith Blake und der Oxford-Professor Muswell setzte sich gegenüber dem Drehbuchschreiber, der sich später erhängte, dafür ein, die Geschichte nicht zu adaptieren, sondern sie möglichst nah am Original zu belassen. Überraschend erhält Jack dann eine Einladung von Ben, indem er schreibt, dass Verna "ihm alles erzält habe". Jack ist in Sorge und sucht ihn auf.

Damit schließt sich der Zyklus, von "weiß zu schwarz" sozusagen verbinden Lilith Blake und ihr Verehrer Muswell die erste und letzte Geschichte und umrahmen die Sammlung.

Die urbane Phantastik von Mark Samuels glänzt durch Skurillitäten mit überraschenden Wendungen und Enden. Ein gutes Zeichen für seine Unverträglichkeit mit dem Einheitsbrei des Mainstreamhorrors ist, dass in der englischen Erstauflage der Kleinverlag zwei Enden abänderte, um sie dem Massengeschmack kompatibler zu machen. Wer aber genau das Gegenteil sucht, wird fündig: Die Kurzgeschichten bieten einen eigenen Stil, basierend auf den Traditionen der phantastischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, mal mit Anlehnung an Poe, Lovecraft und viele andere, auch moderne Autoren wie Ligotti, zugleich vermengt mit eigenen Elementen zu einer eigenen, prägnanten Erzählweise, die selten das Ende vorhersehen lässt und immer wieder zu überraschen weiß.




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