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Spuk des Alltags
Von Ingo Schulze

Rezension erschienen: 12.10.2006, Serie: Belletristik, Autor(en): Alexander Moritz Frey, Verlag: BLITZ-Verlag GmbH, Seiten: 240, Erschienen: /, Preis: 9,95


Dieses Mal wirft die Reihe "Edgar Allan Poes phantastische Bibliothek" aus dem BLITZ-Verlag einen Blick zurück in die Vergangenheit und (wieder-)entdeckt eine Perle der deutschen Literatur: Alexander Moritz Frey. Der Autor schrieb sein Werk "Spuk des Alltags" in Zeiten der Weimarer Republik. Erstmals wurde die elf Kurzgeschichten umfassende Sammlung 1920 veröffentlicht.

In "Verhexung" braucht eine alte Frau Hilfe und ist dankbar, dass der junge Mann sie heimführt. Dieser merkt nach und nach, dass die grauen Haare gar nicht ganz so grau sind, wie es anfangs scheint, der Gang gar nicht so gebeugt und die Knochen gar nicht so morsch. Doch da ist schon längst nicht mehr sicher, wer hier wen führt durch die dunkle Nacht...

Der mäßige Theaterschauspieler Wilhelm Weiland wacht in "Verneinung" in seinem Sarg in der Leichenhalle auf und beschließt, dies zu nutzen. Erst die eigene Beerdigung besuchen, einmal hören, was die Leute wirklich denken, und es dann mit großem Knall auflösen. Vielleicht auf der Bühne? Presserummel ohne Ende, doch wird sich der auszahlen, wenn die Todesanzeige schon in der Zeitung stand?

In "Verfolgung" hat der namenlose Ich-Erzähler seine Opfer im Sandkasten im Hinterhof begraben und wird nun von der Angst geplagt, dass die Leichen gefunden werden könnten. Er steigert sich hinein, wer nicht alles auf sie stoßen könnte, spielende Kinder, streunende Hunde, und glaubt schon, dass die toten Finger die Oberfläche durchstoßen. Oder waren es doch nur Wurzeln?

In einer Zaubervorstellung vollführt der Magier seine Kunststücke wahrhaft meisterlich. Aber ein Gast hält das alles für billige Tricks und langweilt sich dementsprechend. So beginnt er, einen Brief zu lesen - das wiederum ärgert den Zauberer auf der Bühne maßlos und er zaubert den Brief kurzerhand weg. Der Gast ist nun auch verärgert und verlangt ihn "ob des billigen Tricks" zurück, was sich der Magier nicht gefallen läßt.

Auch als Arzt führt man nicht immer ein angenehmes Leben. Die schrullige Erbtante der Ehefrau meldet sich in "Vergeltung" nach vielen Jahren wieder, weil sie erkrankt ist. Und so muss man noch spät am Abend raus, um sie und ihre geliebte Katzenmeute zu besuchen. Doch es stellt sich heraus, dass sie zwar gesundheitlich angeschlagen ist, den Arzt aber einzig aus Sorge um ihre "Lady", natürlich eine Katze, alarmiert hat.

In "Verzweiflung" beobachtet ein ehemaliger Soldat aus seiner Wohnung heraus das Treppenhaus. Trägt der Nachbar eine Leiche auf den Dachboden? Was kann es anderes sein? Er beschließt, die Gestalt zu verfolgen, doch vermeint das eigene Gesicht zu erkennen...

Gerade mal fünf Seiten ist "Verwirrung" dick, in der einem Einbeinigen der Krückstock gestohlen wird. Der klauende Austräger springt aus der Straßenbahn und nimmt die Beine in die Hand. Einige Mitfahrer und Passanten sind aber aufmerksam geworden und während der Einbeinige von einem Major im Auto mitgenommen wird, tobt der Mob schon dem Flüchtigen hinterher.

In "Verwesung" nutzt der mißratende Sohn das Wirtschaftsbuch seiner Mutter, um dem Leser seine Gedanken zukommen zu lassen. Eigentlich wollte er doch nur etwas Essen haben und wird dafür von der Mutter beschimpft, bis er es nicht länger aushält. Auch der Vater wird erschlagen und beide liegen nun im Schlafzimmer. Die Nachbarn wundern sich schon, wo sie sind, und auch die Flecke an der Decke in der Wohnung drunter bereiten Sorgen. Aber der erwachsene Sohn und Elternmörder findet immer wieder Gründe, es herauszuschieben die Leichen beiseite zu schaffen, um sich nicht mit seiner Schuld konfrontieren zu müssen. Wie lange das gutgehen mag?

Der Friseursalon ist der Schauplatz in "Verstrickung". Ein Kunde berichtet dem Friseurgesellen während des Haareschneidens von den neuesten Schlagzeilen im Morgenblatt - Mord im Friseursalon. Das Gespräch vertieft sich und schweift ab bis hin zu den neuesten Eroberungen des vollschlanken Herren. Um so erstaunlich ist aber, dass beide eine gemeinsame Bekannte zu haben scheinen.

Eine Art Platzangst bereitet Konrad in einer "Versammlung" große Probleme. Der korpulente Sitznachbar belegt drei Stühle und ausgerechnet der in der Mitte ist der brüchigste. Wenn dieser nickt, glaubt er, dass "Felsbrocken auf ihn herabzufallen" drohen. Vorne spricht eine lispelne Frau ein Gedicht, "Gehört nicht zum Thema!" brüllt Konrad und flippt fast aus. Und die Platzangst drückt weiter...

In der Abschlußgeschichte "Vermummung" will Gymnasiast Paul Pulver nachts das Internat erkunden. Über das alte Schloss, in dem es liegt, sind viele Geschichten im Umlauf. Der Fürst soll einst seine Mätresse enthauptet haben und den Schlotfeger soll mal eine verirrte Kugel im Kamin erwischt haben. So schleicht sich Paul in die Bibliothek zum historischen Kamin. Noch bevor er diesen untersuchen kann, öffnen sich erneut die Flügeltüren...

Im Nachwort zeichnet Marco Frenschkowski den Lebensweg des Müncheners Alexander Moritz Frey nach, der mit dem Antikriegsroman "Die Pflasterkästen" 1929 seinen größten Erfolg und auch im Ausland große Beachtung gefunden hatte. 1933 mußte Frey erst nach Östereich und dann in die Schweiz fliehen und dort durfte er nicht mehr schreiben, um die Deutschen nicht zu verärgern. Frenschkowski liefert auch eine kurze Interpretation von Freys Geschichten.

In allen Geschichten dringt der Spuk nicht nur in Form von Horrorelementen sondern auch durch skurille und phantastische Ereignissen in den Alltag der Menschen. Selten entwickeln sich der Plot wie erwartet, meist hat Frey noch eine Überraschung im Ärmel.

Gemeinsames Element der Geschichten ist nicht nur die Vorsilbe "Ver-", kleinster gemeinsamer Nenner ist die allgegenwärtige Einsamkeit oder eine Affinität zu Tod, Mord und Selbstmord, häufiges Motiv die Last des eigenen Handelns, kurz das schlechte Gewissen, das sich rührt. Zwar pflegte Frey für seine Zeit einen schlichten, präzisen Stil, ist aber weit weg vom heutigen platten, actionorientierten Mainstream. Ein Monolog in Ich-Form ist beliebtes Mittel, so rutscht der Leser beispielsweise in der Auftaktgeschichte in die Rolle des Gegenübers der Frau, anhand derer Reaktionen er sieht, was eigentlich in der Umgebung und mit ihm passiert. Meist arbeitet er namenlos - warum sollte man auch in einem Monolog seinen eigenen Namen in der Mund nehmen?

Der Reihe ist eine Wiederentdeckung eines interessanten deutschen Phantasten gelungen, der einem kleinen Kreis - die Serie ist auf 999 Bände limitiert - zugänglich gemacht wird. Gerade wer Horrorliteratur abseits ausgetrettener Pfade entdecken will, ist mit diesem Band gut beraten.




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