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Grausame Städte
Von Ingo Schulze

Rezension erschienen: 07.10.2006, Serie: Belletristik, Autor(en): Markus K. Korb, Verlag: BLITZ-Verlag GmbH, Seiten: 158, Erschienen: /, Preis: 9,95


Das Erstlingswerk "Grausame Städte" der Reihe "Edgar Allan Poes phantastische Bibliothek" aus dem BLITZ-Verlag von Markus K. Korb enthält insgesamt acht Kurzgeschichten. Vier spielen in Venedig, vier in Berlin. Zusammen bilden sie einen verknüpften Doppel-Zyklus.

In "Concetta" berichtet der Ich-Erzähler von seiner Liebe, die ihn endlich erhört zu haben scheint. Erst nach und nach merkt der Leser, dass dem namenlosen Erzähler der Sinn für Realitäten schon längst entglitten ist und nimmt ihn mit auf seine Reise zu hell entflammter Liebe...

Beim "Carnevale a Venezia" taucht der Leser an der Seite von Professor Alessandro in den venezianischen Karneval ein. Plötzlich meint er hinter einer der anonymisierenden Masken seinen Schwager erkannt zu haben. Als er ihn ruft, läuft der jedoch weg und eine wilde Verfolgungsjagd über schmale Kanäle und Brücken beginnt. In seinem Verfolgungswahn steigert sich der Professor immer mehr hinein: erst ist es der Schwager, der üble Gerüchte verbreitet, dann ein Detektiv, den seine Frau auf ihn angesetzt hat, um kompromitierende Fotos zu schießen...

Ein alternder Einbrecher will in "Das Ikarus-Prinzip" seinen letzten Coup durchziehen und wählt dazu das Palazzo Dario, in dessen Deckengemälde sich ein dicker Klunker verbirgt. Heimlich setzt er sich von der Besuchergruppe ab, versteckt sich im Kaminschacht und wirft einige Pillen ein, um etwaige Alterserscheinungen zu überwinden. Als er dann im Herzen der Nacht an dem Gemälde entlangklettert, hat er plötzlich das Gefühl, dass es sich bewegt...

In "Insel der Toten" darf ein junger Ministrant zum ersten Mal Pater Montresor auf die Venedig vorgelagerte Toteninsel San Michele begleiten. Während der Pater sich mit dem Totengräberpaar an die Begräbnisse macht, darf Paulo die Insel zusammen mit dem verkrüppelten Sohn des Totengräbers, über den allerlei üble Gerüchte im Umlauf sind, die Insel erkunden. Schließlich kehren sie in die kleine Kapelle zurück und können von einer Galerie die Zeremonie beobachten. Aber warum nimmt der Totengräber die Leiche aus dem Sarg? Und was ist das für eine seltsame Sprache, in der die Predigt abgehalten wird?

Venedig wird in allen vier Geschichten vielleicht mit Ausnahme der ersten (in der sich alles auf die Liebe konzentriert, sicherlich ein besonderes Symbol für diese Stadt) atmosphärisch dicht geschildert. Insbesondere im "Carnevale a Venezia" kommt das besondere Flair der Lagunenstadt auf, während sich die dritte und vierte auf einzelne Orte konzentrieren.

Erwähnenswert ist noch die Verknüpfung einzelner Geschichten. So taucht eine Geliebte namens Concetta mehrmals auf. Der Hauptprotagonist aus "Carnevale a Venezia" wird zur Nebenfigur bei "Das Ikarus-Prinzip", was einen Einblick über die Auswirkungen der Kurzgeschichte über den Zeitraum hinaus bietet.

Die Geschichten sind nicht nur von Poe inspiriert, auch ein Kafka oder speziell bei "Insel der Toten" ein Lovecraft waren hier Inspiratoren, wobei anzumerken ist, dass Markus K. Korb immer angenehm eigenständig bleibt.

Der Berlin-Zyklus beginnt mit "Insomnia", ein Künstler interpretiert bekannte Kunstwerke wie Johann Heinrich Füsslies "Nachtmahr" oder Jacques-Louis Davids "Die Ermordung des Marat" auf seine Weise neu und findet dazu im aufblühenden Berlin zwischen Industrialisierung und Weimarer Zeit geeignete Modelle...

"Der Schlafgänger" spielt etwa zur selben Zeit und wirft einen Blick auf die arme Arbeiterfamilie. Um ein Auskommen zu haben, wird ein Schlafplatz untervermietet an Fabrikgänger. Als der kleine Sohn erkrankt, muss der Vater aus der Wohnung, damit er sich nicht ansteckt, denn ohne seine Arbeitskraft würde die Familie alles verlieren. Der mittlere Sohn hat den neuen Schlafgänger in Verdacht und beschließt ihn des Nachts zu beobachten.

"Wir alle sehen besser aus in Schwarz & Weiß" entführt wieder in den Kopf eines kranken Geistes, dessen Fehlinterpretation der Realität ähnlich wie "Concetta" erst nach und nach erschließt. Er berichtet anfangs von seiner Verachtung von Farbfernsehern, dem Farbspiel der Abendsonne und den neuen, farbigen Verkehrssignalen und schildert alsbald die daraus für ihn schlüssigen Konsequenzen...

Von der Unterwelt Berlins wird in "Tief unten" berichtet. Der Carverspezialisten Woffo steigt hinab in die Bunkerwelt. Er ist an eine alte Karte gelangt, auf der ein noch unbekannter NS-Bunker verzeichnet ist. In diesem soll sich noch einiges von Wert befinden. So packt Woffo die nötige Ausrüstung und steigt hinab, um über etliche Versorgungsschächte und Kriechgänge zum neuen Bunker zu gelangen.

Ähnlich wie bei "Das Ikarus-Prinzip" - hier Bunkerspezialist, dort Profi-Einbrecher - wird die Profession der Charaktere stimmig geschildert, so dass man sich selbst nach einigen Seiten ganz nah dran fühlt und mit ihnen mitfiebert, bis zu dem Zeitpunkt, wo auch sie eine Begegnung haben, die ihnen trotz der großen Erfahrung noch unbekannt ist...

Der Berlin-Zyklus spielt in unterschiedlichen Zeitepochen. Die Spanne reicht von der späten Industriealisierung bis in Gegenwart ("Tief unten"). Jede Geschichte greift Aspekte Berlins auf, mal geografische Besonderheiten (die unterirdische Bunkerwelt), mal Symbole einer Epoche (Industrialisierung) oder die tolerante, reiche Kultur der 1920er Jahre ("Insomnia").

Im Nachwort bietet Eddie Angerhuber - die den zweiten Band der Reihe übersetzt und selbst als Autorin tätig ist - Ansätze zur Interpretation und Verknüpfung der Geschichten.

Die Kurzgeschichtensammlung ist mit 158 Seiten das kürzeste Buch der Reihe, lohnt sich aber aufgrund der abwechslungsreichen, an Poe angelehnten und trotzdem eigenständigen Geschichten für jeden anspruchsvollen Horrorleser. Die Reihe ist übrigens nur exklusiv über den Blitz-Verlag unter http://www.blitz-verlag.de zu beziehen und leider nicht im normalen Buchhandel zu finden.




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