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Expeditionen: Ins Herz der Finsternis
Von Marcus Pohlmann
Rezension erschienen: 14.10.2006, Serie: Rollenspiele, Autor(en): Ingo Ahrens, Michael Cisco, Frank Heller, Peer Kröger, Matthias Oden, Steffen Schütte, Sebastian Weitkamp, Verlag: Pegasus Spiele GmbH, Seiten: 176, Erschienen: 2006, Preis: 24,95 Euro
Wie man unschwer am Titel erkennen kann, lässt der neueste Abenteuerband für das Cthulhu-Rollenspiel die Metropolen der "zivilisierten" Welt hinter sich, auch die allseits beliebten Bibliotheken mit ihrer Fülle an Wissen kommen bestenfalls nur am Rande vor. Stattdessen werden die Spieler in den fünf nicht zusammenhängenden Abenteuern des Bandes fernab der gewohnten Pfade auf der Jagd nach Ruhm, Geld und geistiger Gesundheit in die entlegensten Winkeln der Welt reisen und sich hier einigen Herausforderungen stellen müssen.
Bevor man sich allerdings zur ersten Expedition aufmachen kann, sollte zuerst noch das einleitende Kapitel "Wege ins Unbekannte" gelesen werden. Hier werden neben geschichtlichen Hintergründen für Expeditionen auch mögliche Motivationen für die Charaktere aufgezeigt, um überhaupt das traute Heim zu verlassen und sich in die Wildnis zu begeben. Weiterhin findet man hier, immer ergänzt durch kurze Regelpassagen, noch alles, was es bei der Ausstattung und Vorbereitung einer Expedition in unbekanntes Gelände zu beachten gilt, damit sie nicht schon an solch banalen Dingen wie Vorräten oder ortskundigen Führern scheitert.
Im ersten Abenteuer des Bandes, "Ewiges Eis" von Sebastian Weitkamp, verschlägt es die Charaktere in eben jenes. Auf der Suche nach dem verschollenen Luftschiff "Windhund" und dessen Ladung müssen sich die Charaktere nach Grönland aufmachen, begleitet von einer ganzen Reihe kompetenter Expeditionsteilnehmer. Nicht nur die Gefahren des Mythos und die politischen Ränke einiger national gesinnter Zeitgenossen, sondern in erster Linie die Widrigkeiten des Wetters stellen hier eine ernste Bedrohung für die Forscher dar.
Im "Herz der Finsternis" von Ingo Ahrens geht es weg vom hohen Norden in den tiefsten Kongo. Wie man vielleicht schon am Titel erkennen kann, greift dieses Abenteuer Motive aus dem gleichnamigen Roman von Joseph Conrad auf. Doch vorerst sind die Charaktere damit beschäftigt für die Miskatonic-Universität den Gerüchten über ein saurierähnliches Wesen nachzugehen, das in den Nebenarmen des Kongos sein Unwesen treiben soll. Hierbei werden die Charaktere mit den übelsten Auswirkungen der Kolonialherrschaft konfrontiert und treffen letztendlich auf Walter E. Kurtz, der nicht wie im Roman beschrieben starb, sondern sich in eine Ruinenstadt tief im Dschungel zurückgezogen hat und dort als eine Art Gottkönig verehrt wird.
Das anschliessende "Curso Cannibale" aus der Feder von Matthias Oden schickt die Charaktere im Wettlauf um eine Erbschaft nach Südamerika, genauer nach Nordbrasilien. Hier bietet sich einem der Charaktere die Möglichkeit, das Vermögen des reichen und auch sehr exzentrischen Erbonkels aus Amerika zu gewinnen. Leider ist der Weg zum großen Geld mit allerlei Unannehmlichkeiten bestückt, von denen die allgegenwärtige Malaria und übereifrige Priester noch die geringsten Übel sind.
"Die vergessene Stadt" von Michael Cisco, Schauplatz des nächsten Abenteuers, befindet sich ebenfalls in Südamerika, irgendwo in den Anden. Auf der Suche nach dem Verbleib einer vorangegangenen Expedition finden die Charaktere eine legendären Stadt der Inka und müssen versuchen das Geheimnis des Berges zu ergründen und einem ungewöhnlichen Widersacher gegenübertreten, wenn sie die Stadt jemals wieder verlassen wollen.
Den Abschluss des Bandes bildet "Die letzte Ruhe der Minna B." von Peer Kröger. In diesem Abenteuer, das Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist, werden die Charaktere von einer Hamburger Werft gebeten das Schicksal eines Schiffes aufzuklären. Einer der Matrosen der "Minna B.", die vor der Küste Norwegens verschwand, tauchte seltsamerweise nur wenige Tage später im Hochland Neu-Guineas halb wahnsinnig wieder auf. Hier gilt es das Rätsel des verschwundenen Schiffes zu lösen und dabei die kommende Apokalypse, die der örtliche Missionar ständig verkündet, abzuwenden.
Mit dem vorliegenden Band erhält der geneigte Spielleiter fünf rundum gelungene, teils sehr ungewöhnliche Abenteuer, die auch erfahrenen Charakteren genug Herausforderungen bieten und zu keiner Zeit Langeweile aufkommen lassen. Hier steht nicht die sonst übliche Recherche oder der Kampf gegen finstere Kultisten im Vordergrund, sondern der Umgang mit außergewöhnlichen Situationen fernab jeglicher "moderner" Hilfsmittel. Auch die moralischen Herausforderungen, vor die die Charaktere in einigen der Abenteuer gestellt werden, sind durchweg spannend und nicht mit einem einfachen Wurf auf geistige Stabilität zu lösen. Wer seinen Spielern mal etwas abseits der "Cthulhu-Matrix" bieten möchte, ist mit diesem Band auf jeden Fall bestens bedient. Allerdings ist keines der vorliegenden Abenteuer für das schnelle Spiel zwischendurch gedacht, sondern erfordert sowohl vom Spielleiter eine intensive Beschäftigung mit der Materie als auch von den Spielern eine gewisse Ernsthaftigkeit, was die gestellte Aufgabe angeht.
Ansonsten bewegen sich die Texte, das Layout, das Bildmaterial und die Handouts wieder auf dem hohen Niveau, das man auch von den anderen Cthulhu-Publikationen, die bei Pegasus veröffentlicht werden, gewohnt ist.
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