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Die dunkle Kammer
Von Christoph Schubert

Rezension erschienen: 22.09.2006, Serie: Belletristik, Autor(en): Leonard Cline, Verlag: Festa Verlag, Seiten: 224, Erschienen: 2001, Preis: 12,95 €


"Außergewöhnlich hoch ist das künstlerische Format des Romans. [...] Die Atmosphäre [...] ist von bösartiger Kraft" schrieb kein anderer als der Meister des Bizarren, H.P.Lovecraft, in einem seiner Essays. Clines Buch stellt uns Oscar Fitzalan vor, einen zurückhaltenden Pianisten, der sich in die Dienste der New Yorker Familie Pride stellt, insbesondere in jene Richards Prides, des Familienoberhaupts. Er zieht in dessen Anwesen außerhalb der Stadt: Mordance Hall, einem Spukhaus nicht unähnlich. Dort trifft er auf Janet, Richards Tochter, Miriam, seine Frau, Hough, den Butler, auf Tod, den Schäferhund, und das Küchenpersonal.
Richard Pride ist ein äußerst eigentümlicher Mann, mit bleichem, eingefallenem Gesicht und knochigen Fingern. Er hat sich neben dem Anwesen ein eigenes Gebäude errichtet, teils in einen Hügel gebaut, eine Art Labor mit einem "Magazin", in welchem er ein Archiv angelegt hat, das einem Labyrinth gleicht. Pride hat durch Träume herausgefunden, dass er sich bereits vergessene Geschehnisse wieder klar ins Gedächtnis rufen kann. Er legte sich Kalender mit allen Tagen seines Lebens an und versucht diese durch Gerüche, Geräusche, Reisen, Träume zu rekonstruieren. Aber weitaus mehr: Pride hat durch Recherche herausgefunden, dass er von Handlungen träumte, die längst verstorbene Ahnen unternahmen; er nennt dies "Erbgedächtnis". Fitzalans Aufgabe ist es, Pride alte Volkslieder auf dem Klavier vorzuspielen. Da ihn dies nicht besonders ausfüllt, verbringt er die meiste Zeit bei der Familie, die Richard nur noch selten zu Gesicht bekommt, da ihn seine Forschung voll einnnimmt.
Das Buch teilt sich in vier Kapitel: "Janet", "Miriam", "Richard" und "Tod", in denen Oscar sich auch jeweils jenen Familienmitgliedern im Besonderen widmet. Und während sich die Familie der absoluten Dekadenz hingibt, geht hinter den Kulissen ein bizarres Ränkespiel vor sich, dem sich der Leser, wie auch Fitzalan selbst, nur schwer entziehen kann, während Richard immer mehr degeneriert und sich immer abstruseren Methoden hingibt. Oscar nimmt Dinge war, die er von einem Traum nicht unterscheiden kann und so auch nicht der Leser. Die äußerst antiquierte Sprache der 1920er trägt das Übrige dazu bei. Wem kann Fitzalan vertrauen, wer vertraut ihm und was hält ihn davon ab diesen mehr und mehr zu verfallenden Ort schleunigst zu verlassen?

Die dunkle Kammer aus dem Titel kommt im Roman in vielerlei Hinsicht zum tragen. Ist sie Richards Labor, ist es Oscars Gefühlswelt, oder der Schein, welchen die Gesellschaft zur Schau trägt? In einem Nachwort von Malte Sembten wird dies alles ein wenig aufgeklärt und ein Überblick über das Leben des Leonard Cline und dessen Werken gegeben.
Wer Lovecraft erwartet, wird enttäuscht sein, denn von dessen Mythos oder seiner Art von Horror kommt nichts oder nur sehr wenig vor. Dennoch ist es ein fesselnder Roman, der fasziniert. Vor allem entfaltet sich die Stimmung im alten Anwesen mit seinen dunklen, klammen Fluren und Zimmern, ebenso durch die so perfekt und elegant beschriebenen Personen, die alle nicht das sind, was sie vorgeben. Vor dieser tiefgründigen Kulisse tritt das eigentlich Thema, Richard Prides Forschungen, in den Hintergrund. Da der Roman sehr gefühlsbetont ist, ist es klar, dass ihn Lovecraft nur anbei erwähnt und in seinem Essay auch nur den Plott um Richard Pride kurz abhandelt.
Der erfahrene H.P.-Kenner wird wissen, wie es bei Lovecraft um Frauen und derartigen "Gefühldusseleien" stand. Wer Gothic, Romance und Decandence Literature mag, wird diesen Roman zu schätzen wissen.




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