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Der König in Gelb
Von Christoph Schubert

Rezension erschienen: 22.09.2006, Serie: Belletristik, Autor(en): Robert W. Chambers, Verlag: Festa Verlag, Seiten: 272, Erschienen: 2002, Preis: 18,- €

Festa präsentiert uns seit geraumer Zeit eine bunte Reihe cthuluider Bücher, welche zumeist Geschichten enthalten, die nicht von Lovecraft geschrieben wurden. Band neun dieser Reihe, der Fantastischen Bibliothek, werde ich euch nun vorstellen. Alleine der Titel jagt uns schon zahlreiche Schauer über den Rücken: "König in Gelb". Erwartet uns hier wirklich jenes Buch, das zahlreiche Unwissende in den schleichenden Wahnsinn trieb? Wohl kaum. Robert W. Chambers liefert eine fantastische Geschichten- und Gedichtsammlung, welche erstmals 1895 als "King in Yellow" und zwei Jahre später als "The Mystery of Choice" erschien. Festa vereinigt beide Bände in dieser deutschen Ausgabe von 2002. Das ganze ist insofern interessant, da Lovecraft von Chambers Werken begeistert war und der "König in Gelb" dem fachkundigen Leser als Avatar Hasturs bekannt ist.

Buch eins, "Der König in Gelb", beginnt mit "Cassildas Lied", einem Gedicht, das im imaginären Werk, dem obskuren Theaterstück, in der zweiten Szene des ersten Aktes vorkommt. Es folgt "Der Wiederhersteller des guten Rufes", eine Geschichte über einen widerlich anzusehenden Mieter, der die außergewöhnliche Aufgabe hat, den gute Ruf von vermögenden Leuten wieder herzustellen. Zur Seite stehen ihm eine Armee von Handlangern und das Gelbe Zeichen. "Die Maske" handelt von einem vermögenden Adligen, der sich mit seinem Freund chemischen Experimenten hingibt um die Steinmetzkunst zu perfektionieren. Eine Flüssigkeit lässt alles Leben zu Stein werden. Doch eines Tages fällt die Geliebte von beiden in die Chemikalie. In "Am Hofe des Drachen" trifft ein Pastor in der Kirche von St. Barnabé auf den Wahnsinn in Person eines Orgelspielers, dessen blasphemische Laute nur er vernehmen kann. "Das Gelbe Zeichen" lässt die Träume eines Malers und seines Modells widersinnig und nur allzu schnell real werden. "Die Jungfer d’Ys" betört einen verirrten Wanderer im Moor, um dann nur allzu schnell zu verblassen. "Der Himmel der Propheten" ist eine Gedichtsammlung ohne Reime, mit wenigen Zeilen, aber tiefem Sinn und Platz zum philosophieren. In der "Straße der vier Winde" trifft der Erzähler auf eine abgemagerte Katze und eine ebenso abgemagerte Geliebte.

Das zweite Buch "Das Mysterium der Vorlieben" wird mit einer "Widmung" und einer "Einleitung" eingeführt, wobei diese nicht im klassischen Sinn verstanden werden. Es handelt sich hierbei um Gedichte. "Der Purpurkaiser" ist Schmetterling und sein Sammler zugleich und zudem noch gerissen. "Totenfeier" setzt die Geschichte fort und nie waren dem Leser Freud und Leid so nahe. "Der Bote" ist eine etwas längere Geschichte, wieder um Lys und ihren amerikanischen Mann, wie die beiden Geschichten zuvor. Im Zentrum stehen ein toter Priester mit einer Maske, eine grausame Sage und wieder ein Schmetterling. Dieses kleine Geschichten-Trio schließt ein Gedicht ab, "Das Wiegenlied des Königs". "Der Weiße Schatten" ist die längste (50 Seiten), aber leider auch langatmigste Geschichte. Zwar gibt es eine nette Pointe, aber der Weg dorthin ist gepflastert mit biederer 19.-Jahrhundert-Romantik; wer‘s mag...

Robert W. Chambers versteht es wie der Meister Lovecraft selbst, die Grenzen zwischen Wahrheit und Realität verfließen zu lassen, so dass ein Übergang beim Lesen gar nicht wahrgenommen wird. Dennoch unterscheiden sich beide im Stil. Wo Lovecraft lange beschreibt und oft Einzelgänger, wie er selbst, die Hauptrolle spielen, so wirkt Chambers lebendiger. Was ich besonders schätze, ist, dass im ersten Teil des Buches irgendwann jemand zum "König in Gelb" greift, oder unter mysteriösen Umständen das Gelbe Zeichen auftaucht und die Menschen verändert, wobei man aber als Leser den genauen Zeitpunkt dieser Veränderung, auch wenn man sich darauf konzentriert, nur sehr schwer genau bestimmen kann. So wähnt man den Protagonisten noch in Sicherheit, doch ist es schon längst zu spät. Ein gelungenes Werk in lovecraftscher Zeit, welches nicht nur Cthulhuliebhaber begeistern wird. Bleibt nur noch auf den echten "König in Gelb" zu warten, am besten im passenden "Reklam" Gewand.




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