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Rollenspiel Werkstattbericht
Aus der Höhle der Übersetzer
von André Wiesler
21. Oktober 2005

Blut läuft aus tiefen Schnitten auf Rücken und Armen der bemitleidenswerten Knechte, die hier, tief unter dem zwanzigstöckigen FanPro-Hauptquartier in Erkrath - oder Ef-Pi-City, wie die Eingeborenen es wegen der allumspannenden Macht des Mega-Konzerns nennen - in einem Keller angekettet sind. An den Handgelenken wird das Blut von schmutzigen Lappen davon abgehalten, auf die Tastatur zu tropfen. Nur das fahle, flackernde Licht der alten 14-Zoll-Bildschirme erleuchtet die eingefallenen Gesichter der Übersetzer, die hier wimmernd darauf hoffen, das das schreckliche Lonsing nicht wieder mit der Peitsche vorbeischaut und mit dem Schrei: „Abgabedatum“ auf sie eindrischt.
 
Zugegeben - so schlimm war es nicht, an der Übersetzung der vierten Edition des Rollenspielklassikers Shadowrun mitzuarbeiten, aber der Abgabetermin war wegen der nahenden Messe Spiel 2005 durchaus knapp kalkuliert. Um die 344 Seiten rechtzeitig fertig zu bekommen und dabei vor allem noch Zeit für die Qualitäts- und Inhaltskontrolle zu haben, mit der sich die SR-Publikationen bei FanPro ihr „.01 D“ verdienen, wurde der Inhalt kapitelweise auf die vier Übersetzer Jochen Hinderks, Mario Hirdes, Manni Sanders und meine Wenigkeit verteilt.
 
Ich hatte direkt im Anschluss an die Abgabe der Shadowrun-Übersetzung auch noch einen Roman fertig zu stellen, damit also „nach hinten“ keinen Puffer mehr und so hieß es 8:00 Uhr raus und an den Rechner, um dann 8 bis 10 Stunden zu übersetzen und das am Vortag übersetzte korrekturzulesen. Die Originaldokumente wurden als PDF geliefert, was mir sehr entgegenkam, da ich die zu übersetzenden Texte ohnehin immer einscanne und mir auf den zweiten Monitor ziehe. Durch diese Doppel-Monitor-Konfiguration an meinem Rechner entfällt das lästige Ausdrucken digitaler Vorlagen, es ist Nacken schonend, weil man nicht immer auf den Schreibtisch herunterschauen muss und es ist Zeit sparend, weil man nicht immer wieder suchen muss, wo man gerade war - der Zoomfunktion sei Dank.
 
Mit Tee und guter Musik gewappnet ging es dann an die Übersetzung, bei der immer wieder ein Blick in das von Christian Lonsing erstellte und beständig aktualisierte Glossar dabei half, dass alle Autoren die gleichen deutschen Entsprechungen für bestimmte englische Begriffe benutzen. Typisch englische Wortschlangen haben es nicht immer einfach gemacht, prägnante deutsche Begriffe zu finden.
 
Dabei kam es durchaus auch in dieser Phase noch zu Diskussionen - ob man beispielsweise die Anzahl der zu erzielenden Erfolge wirklich Mindestwurf nennen soll, war dieser Begriff doch früher für die erforderliche Höhe der Ergebnisse im Gebrauch, oder ob man zwingend die Regeln für Schwimmen und Treiben lassen im Buch haben muss.
 
Genau diese Regel war die erste, die ich zu übersetzen hatte und mit den Cyberbein- und Seehundgestaltwandler-Modifikatoren sah ich in diesem Moment auch schon die Hoffnungen auf ein einfacheres Shadowrun auf den Wellen des fiktiven Ozeans davonschwimmen. Entsprechend groß war meine Erleichterung, als sich im Folgenden herausstellte, dass diese Regel die bei weitem komplexeste im ganzen Buch war und alle übrigen Spielmechanismen tatsächlich einheitlich und einfach gestaltet werden konnten. (In der finalen Version – auch der amerikanischen – ist der Seehundgestaltwandler-Modifikator übrigens nicht mehr enthalten!)
 
Dass die Übersetzung rechtzeitig fertig gestellt werden konnte lag vor Allem an Christians großem Einsatz - Mailanfragen wurden beinahe im Minutentakt beantwortet und auch Abends und am Wochenende war er erreichbar. Es hätte mich nicht gewundert, wenn der Arme sich am Telefon mit „Mindestwurf 5“ statt seinem Namen gemeldet hätte. Er blieb auch bewundernswert ruhig, als ich ausgerechnet an Begriffen in seiner Kurzgeschichte herumkrittelte, ohne zu wissen, wer als Autor verantwortlich war.
 
Insgesamt war die Übersetzungsphase recht anstrengend, aber auch sehr interessant, war ich doch so einer der Ersten, die einen Blick in das neue Regelbuch werfen konnten. Und dass die SR4-Regeln gelungen sind, sieht man vielleicht daran, dass ich sie umgehend, noch vor Erscheinen der englischen Bücher, in meine Gruppe einführte.
 
Natürlich erfüllt es mich auch ein wenig mit Stolz, dass durch die gute und professionelle Zusammenarbeit aller Beteiligten das deutsche Buch nun zeitgleich mit der englischen Ausgabe und vor allem pünktlich zur Messe erschienen ist.



Besuchermeinungen
Furchtbar (1 Stern) "Qualitäts- und Inhaltskontrolle" und "gute und professionelle Zusammenarbeit" bei dem vorliegenden Ergebnis sind echte Lacher, danke (wenigstens) dafür ...
von Arclight
Antwort von André Wiesler:
Freut mich, wenn ich zu deinem Amusement beigetragen habe. Das ist mir immer ein großes Anliegen :-) Die hohe Fehlerzahl des Grundregelwerks ist allerdings wirklich nicht schön - da sind wohl in der Endbearbeitung diverse Dinge ungünstig zusammengetroffen. Für uns Übersetzer endet die Arbeit ja mit der Abgabe der fertigen Texte. Wenn du allerdings inhaltliche oder Übersertzungsfehler in den von mir bearbeiteten Kapiteln (Fertigkeiten, Kurzgeschichte und Kampf) gefunden hast, wäre ich dir sehr dankbar, wenn du sie mir mitteilen würdest. Dann kann ich nachschauen, ob sie auf "meinem Mist gewachsen" sind und sie in Zukunft vermeiden.
keine Wertung Als Beispiel:

Dispelling --> Antimagie

Sinnentfremdend.

Ein paar weitere "Blüten" (Gerüchtekoch und Co) habe ich auch mal im FanPro-Forum gesammelt. Sie betreffen aber wohl weniger die Kapitel Kampf und Fertigkeiten.

Cya Wraith
von Wraith
Gut (4 Sterne) Sehr interessanter Blick hinter die Kulissen ...
von strategon
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