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Rollenspiele Im Gespräch
So gar kein Zonk – ein Interview mit den Tor 3-Machern
von Ingo Schulze
18. August 2006

Egal, wie gut Du Dich vorbereitest,
Egal wie gut Du bist,
Hinter Tor 3
Steckt immer der Zonk"
– alte Straßenweisheit


Der Shadowrunkurzfilmwettbewerb hat in den letzten Jahren einige sehenswerte Fanfilme hervorgebracht und sich von Jahr zu Jahr gesteigert. Mit Begeisterung hab ich auch die Filme diesen Jahres genossen – zumindest alle Podestplätze sind sehr, sehr sehenswert - und war erstaunt, als es zum Siegerfilm Tor 3 auch eine DVD-Kaufversion gab. Im Zuge der Rezi kam ich auch in Kontakt mit einem der beiden Regisseure des Projekts, Enno Behrendt, den ich mir nach der Rezi zu einem Mail-Interview vornahm, um einige Fakten rund um den Fanfilm in Erfahrung zu bringen.

Lorp.de
: Habt ihr vorher schon Filmprojekte gemacht?
Enno Behrendt
: Nein, das ist unser erstes richtiges Filmprojekt. Vorher gab's ein paar kleinere LARP-aufnehmen-und-mit-musik-zusammenschneiden-Sachen und so, aber das war dann kein Film mit Drehbuch und Schauspielern, sondern mehr "mitgefilmt und zusammengeschnitten". Vielleicht kennst du die auch, zB die pompfball-trailer auf www.pompfball.de, die frankenbatschen-trailer auf www.frankenbatschen.de, oder "NSC des Grauens", der schwirrt auch noch irgendwo im Netz rum.

Lorp.de
: Was war dann ausschlaggebend, Euch am Shadowrun-Kurzfilmwettbewerb zu beteiligen?
Enno Behrendt
: Ganz eindeutig Shadowrun selbst. Ich glaube, das ist für uns alle immer noch die Welt, in der wir träumen. Der eine vielleicht mit mehr Trollen, der andere mit mehr Neuromancer, aber im Grunde sind wir alle immer noch unterwegs in den Schatten. Dazu kommt, dass es bis heute eben keinen richtigen Shadowrun-Film gibt. Das merkt man ja auch im Wettbewerb, daran, wie total unterschiedlich die Beiträge sind. Bei einem StarWars-Fanfilm ist immer klar, wie die Einstellungen zu sein haben, die Art der Musik, die Kostüme, die Rollen, die Aktionszenen. So ein strenges Korsett hat Shadowrun nicht, und das finde ich persönlich sehr geil, weil die Zuschauer dann auch nicht erwarten, dass man ständig irgendein Vorbild zitiert.

Lorp.de:
Im "Making of" von Tor 3 ist auch zu sehen, dass ihr das teilweise sehr detailverliebt und zeitintensiv umgesetzt habt. Zum Beispiel gab es Waffentraining beim Polizei- bzw. Bundeswehrausbilder. Auch wurden nicht die nächstbesten Kumpels genommen, sondern es wurde regelrecht gecastet. Wie kam es dazu, dass der Anspruch ans erste Filmprojekt so hoch war?
Enno Behrendt:
Erstmal Danke für das Kompliment, das freut uns natürlich, dass das im Film so rüberkommt. :-) Im Ernst, das stand eigentlich immer außer Frage, dass wir da so weit wie möglich ans Limit gehen wollen. Wenn schon, dann volle Pulle. Das haben wir Shadowrun und auch den ganzen Leuten geschuldet, die sich den Film ansehen (müssen). Die wollen ja nicht nur sehen, wie wir mit Sonnenbrille und langem Mantel unsere Softairs schwenken, sondern die wollen eben gerade die Shadowrun-Welt erleben, in 360°, mit all dem Adrenalin und all der Melancholie, die irgendwie zu dieser Welt dazugehört. Und das wollten wir ihnen geben, so weit es uns mit unseren Amateur-Mitteln eben möglich war.

Lorp.de:
Wie war das bisherige Feedback auf Euren Film?
Enno Behrendt:
Absolut anders, als wir erwartet hätten. In den SR-Foren wurden (und werden) wir fast komplett totgeschwiegen, keine Ahnung warum. Ist auch bis heute so, wir bekommen mehr eMails aus den Staaten oder Polen als aus Deutschland oder Österreich. Am Anfang wundert man sich schon sehr, da wird der Film 3000 Mal heruntergeladen, und maximal vier oder fünf Leute schreiben uns. Aber anscheinend ist das so, wenn man der Sieger in so einem Wettbewerb ist. Wir haben zum Beispiel gleich nach Erscheinen der DVD jedem der anderen Filmteams eine als Geschenk geschickt, und bis auf den Peter Nagel vom "Fall UMuc" hat sich keiner der anderen auch nur gemeldet. Das ist natürlich schon irgendwie schwach. (Der Peter Nagel hat uns übrigens auch gleich nach der Juryentscheidung geschrieben und gratuliert, auf den lass ich nichts kommen!) Wir würden uns auch nach wie vor über Post von denen freuen. Also, falls Ihr das hier lest: Lasst mal was von euch hören, ihr Nasen!
Ansonsten ist das Feedback Wahnsinn. Gerade Leute, die eigentlich mit Shadowrun nix am Hut hatten, gehen voll auf den Film ab. Wir waren schon im Regionalfernsehn und in den Zeitungen hier im Großraum, und die Leute geben uns immer wieder großartiges Feedback, wie toll sie es finden, dass man mit so geringen Jedermann-Mitteln so einen richtigen Film herstellen kann. Dass man mit Einsatz und Begeisterung auch mangelndes Equipment sehr gut wettmachen kann.

Lorp.de:
Ihr hattet ja starke Konkurrenz. Welcher von den anderen Filmen hat Dir am besten gefallen?
Enno Behrendt:
"Fall UMuc" ist natürlich bärenstark, keine Frage, vor allem der Schnitt und die Matrix sind schon grandios. Technisch schlägt er eigentlich alle anderen um Längen, auch uns. Und dieses Shadowrun-Intro ist einfach perfekt, ich glaube, das kann richtig zu einer Referenz werden.
Ich bin jetzt ein bißchen voreingenommen, weil die anderen Filmteams so mau reagiert haben (siehe Frage vorher), aber ich würde sagen, auch "DrehenNichtDrücken" ist absolut zu Recht aufs Treppchen gekommen. Da hab ich persönlich den Eindruck, dass die eigentlich noch viel, viel mehr drauf hätten, aber sich irgendwo nicht getraut haben, sich von den gängigen Filmzitaten zu lösen. Ganz weit vorne finde ich auch nach wie vor "Teatime", den Drittplatzierten vom Vorjahr. Wir hatten echt gehofft, dass die 2005 wieder mitmachen, von denen hätte wir gerne mehr gesehen. "Plan C" ist natürlich auch sehr witzig, ein verfilmter Rollenspielabend inklusive Insidersprüchesammlung. Von "Bane" waren wir eher enttäuscht, da hat uns "Rage" vom Vorjahr viel besser gefallen, da waren die Schminke und das Posing noch augenzwinkernd und irgendwie cool, dieses Jahr war alles so gewollt auf Tiefgründigkeit getrimmt. Total überrascht waren wir bei "Cat-and-Mice": Auf der Homepage konnte man sehen, was die für einen Aufwand fahren, deutlich mehr als wir, und dann war davon im Film so wenig zu spüren. Irgendwie echt schade, wahrscheinlich hat zum Schluss wirklich die Zeit gefehlt.

Lorp.de:
War die DVD-Verkaufversion von Anfang an geplant oder wie ist die Idee dazu entstanden?
Enno Behrendt:
Nein, das war nicht geplant. Irgendwann haben wir mal spaßeshalber im Internet geguckt, was da möglich wäre und wie tief wir nochmal in die Tasche greifen müssten. Ursprünglich war das mehr als Dankeschön gedacht, an alle Leute, die uns unterstützt haben, und deren Arbeit und Begeisterung wir irgendwie in eine passende und bleibende Form bringen wollten. Dann war es nur noch ein kleiner Schritt, ein paar mehr DVDs zu machen. Aber ich will auch gar kein Geheimnis draus machen, dass es uns außerden natürlich auch einfach gereizt hat, den eigenen Film auf DVD zu haben, das ist ja auch so ein Traum von wahrscheinlich jedem Filmteam.

Lorp.de:
Dass die DVD nicht im Versandhandel vertrieben wird, dahinter steckt ja auch eine Anekdote. Vielleicht kannst Du sie uns auch zum Besten geben?
Enno Behrendt:
Leider ist das bisher noch keine Anekdote, sondern bittere Realität: Wir können es uns nicht leisten, die DVD von der FSK prüfen zu lassen, das würde mehrere tausend Euro kosten. Ohne FSK-Prüfung gilt der Film aber automatisch als nicht jugendfrei, und daher ist es per Gesetz verboten, ihn im Versand zu vertreiben. Über Einzelhändler ist es kein Problem, aber bisher haben sich leider bisher nur erst die befreundeten Läden hier in Nürnberg und Regensburg dazu bereiterklärt, das zu unterstützen, indem sie den Film ins Regal stellen. Also, darum hier nochmal ein Aufruf an alle Rollenspielhändler: Wenn ihr einen Laden habt, erinnert euch an die vielen Träume und das viele Herzblut, die in solchen Community-Projekten stecken, und helft uns.

Lorp.de:
Welche Rollenspiele spielst Du denn noch neben Shadowrun? Ober erwähntest Du auch Deine LARP-Erfahrung. Welche Erfahrungen hast Du beim Fantasy-LARP?
Enno Behrendt:
Ich glaube, die gleichen Erfahrungen wie alle anderen auch: Entscheidend sind die Leute, mit denen man das Hobby betreibt, und der "Spirit", der in der Szene herrscht. Wenn die zwei Sachen stimmen, dann ist gerade P&P oder LARP ein unglaublich geiles Hobby, weil man keine Grenzen hat, keinen Dachverband, keine Vereinsheime, nur jede Menge wilde kreative Energie die sich irgendwo ihr Ventil sucht. Dieses Freie, Egalitäre, das fehlt mir zum Beispiel auch an solchen Sachen wie World of Warcraft oder den großen Mythodeas oder so. Da baut sich die Szene meiner Meinung nach nur wieder ein neues Gefängnis, in dem es wie im richtigen Leben auch wieder nur um Kohle und Vereinsposten und Statussymbole geht.

Lorp.de:
Gelsenkirchen-Shirt, Schauplatz Uni und anderes in Regensburg – Wo spielt Euer Streifen eigentlich oder ist das bewußt offengelassen?
Enno Behrendt:
Das ist bewusst offengelassen, ja. Europa, irgendwo in der Mitte, mehr wollten wir nicht festlegen. Wir wollten mit dem Film ja extra nicht einen ganz bestimmten, außergewöhnlich spektakulären Run darstellen. Uns ging es mehr darum, ein bisschen den Alltag eines Runners zu zeigen, also Szenen, die für einen Runner dazugehören wie für uns Normalos der Weg in die Kantine. Wir haben unseren Schauspielern immer gesagt, dass sie sich von der Körpersprache benehmen sollten, als wären sie auf der Arbeit, also Bladerunner statt Matrix-Keanu-Reeves-Neo. Darum zum Beispiel ja auch die Beatles-Tarnnamen. Was bedeutet es, als Runner sein Geld zu verdienen? Das ist eigentlich der Gedanke, der hinter dem ganzen Film steht.

Lorp.de:
Seid ihr an weiteren Filmprojekten dran?
Enno Behrendt:
Na klar. Das macht nämlich süchtig. Aber da kann ich jetzt noch nicht zuviel verraten, natürlich, aber auf www.helmwacht.de wird's die News immer als erstes geben. Aber jetzt müssen wir erstmal schauen, dass wir Händler finden, die uns unterstützen, sonst gibt die Kriegskasse nämlich nicht mehr viel her.
Vielleicht ist es aber auch mal soweit, dass wir uns hier im deutschsprachigen Raum mal zusammentun und einen richtig fetten SR-Film drehen. Ist wahrscheinlich noch Zukunftsmusik, ich kann dazu nur sagen: Leute, wir bekommen aus der ganzen Welt Mails, wie sehr die uns um diesen Wettbewerb und die Filme beneiden, also lassen wir es doch mal richtig krachen!

Lorp.de:
Habt ihr noch den ultimativen Tipp für diejenigen, die sich beim nächsten Shadowrunkurzfilmwettbewerb beteiligen wollen?
Enno Behrendt:
Macht euren Film fertig mit dem, was ihr habt. Wartet nicht darauf, dass irgend jemand kommt, und euch ne geilere Kamera oder eine geilere Softair gibt. Findet euer eigenes Limit, und setzt euch genau das als Ziel, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Und vielleicht noch: Hört auf, Aktionszenen mit billiger Mucke zu unterlegen. J

Lorp.de:
Danke für die Einblicke, viel Erfolg auch weiterhin!

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